Ich bin Ihre Leserin.
Na ja, wahrscheinlich bin ich es noch nicht. Aber ich wäre es sehr gerne.
Denn ich bin sicher, dass Sie etwas zu sagen haben, das mich brennend interessiert, das mir neue Erkenntnisse bietet und mich zum Nachdenken bringt. An Ihren Inhalten oder Ihrer Botschaft kann es also nicht liegen, wenn ich noch nicht zu Ihrer Leserin geworden bin. Es muss dafür einen anderen Grund geben …

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch, ich sitze Ihnen gegenüber und wir reden. Gemeinsam wollen wir herausfinden, was dieser Grund sein könnte …

Reine Unterstellung

Vielleicht verläuft unser Gespräch so:
Sie beginnen damit, dass das ja nur daran liegt, dass Sie bisher noch keine Zeile veröffentlicht haben.
Ich schaue Ihnen in die Augen und frage: „Warum tun Sie es nicht, wo Sie doch so dringend gehört werden wollen?“
Sie stemmen entrüstet die Fäuste in die Hüften und antworten: „Ich will dringend gehört werden? Das ist eine reine Unterstellung.“
Ich mache daraufhin eine sacht abwehrende Handbewegung und erwidere: „Nicht ganz. Sie erbringen selbst soeben den Beweis: Sie investieren Ihre kostbare Zeit in unseren Dialog über genau dieses Thema. Das tun Sie nur, weil Sie einen Motiv haben: Sie wollen gehört werden, doch Sie zweifeln aktuell noch daran, ob Ihnen das mit dem, was und wie Sie schreiben, gelingen kann. Nicht wahr?“
Sie starren mich kurz an und schwanken innerlich, ob Sie aufbrausen oder einfach nur nicken sollen. Doch nachdem Sie ehrlich sind, entscheiden Sie sich für das Letztere.
Vielleicht läuft es aber auch ganz anders …

Das war’s gewesen

Auf die Frage, warum ich noch nicht Ihre Leserin bin, sehen Sie mich über Ihren Schreibtisch hinweg anklagend an und sagen mir: „Sie sind selbst schuld. Schließlich habe ich schon vieles geschrieben. Ich habe mir wirklich Mühe hineingesteckt, um alles klar und logisch zu erzählen. Dennoch haben Sie sich dem Lesen verweigert.“
Ich wiege daraufhin den Kopf hin und her, bevor ich antworte: „Ich fürchte, da liegt der Hund begraben: Sie haben mir etwas erzählt.“
Sie starren mich fassungslos an und schnappen nach Luft.
Ich nicke bekräftigend und fahre fort: „Ich sage es Ihnen ganz schonungslos: Mit Ihrem Erzählen haben Sie mich zu Tode oder besser gesagt ‚ends-‚gelangweilt. Entschuldigen Sie diesen jugendsprachlichen Ausdruck, doch er ist so treffend. Schließlich bin ich bei der Lektüre Ihrer Texte nicht verstorben, ich habe sie einfach be-endet. Darin bin ich ganz schnell, egal in welchem Medium: Seite weitergeklickt, Flyer weggelegt, Buch zugeschlagen. Das war’s gewesen mit dem Lesen.“
Sie schütteln konsterniert den Kopf und fragen etwas ratlos: „Ja, aber wenn ich nicht erzählen soll: Was soll ich denn dann machen?“

Ein einfaches Rezept

Hier münden die beiden Varianten unseres Gesprächs wieder in eine Geschichte, denn egal ob Sie schon viel oder gar nichts veröffentlicht haben: Ich will Ihnen um meines eigenen Lesegenusses willen verraten, wie Sie mich als Leserin fesseln statt zu langweilen. Das Rezept ist ganz einfach:
Erzählen Sie mir nichts. Lassen Sie mich es sehen.
Denn erst wenn Sie es schaffen, mit Ihren Worten mein Kopfkino in Gang zu setzen, bewegen Sie mich dazu, Ihren Gedanken weiter zu folgen. Schließlich bin ich Leserin und will zum Lesen verführt werden. Das gilt übrigens unabhängig vom Geschlecht.

Die Verführungsformel

Jetzt blicken Sie mich über Ihren Schreibtisch hinweg mit gerunzelter Stirn an und wenden ein: „Verführen? Ich schreibe doch keinen Roman, ich schreibe Sachtexte.“
Ich nicke nur und sage: „Ja, genau. Gerade deshalb. Je abstrakter und sachlicher Ihre Botschaft ist, desto mehr will ich sehen, was Sie konkret damit meinen. Muss ich mir erst selbst mühsam ein Bild dazu basteln, verliere ich schnell den Spaß. Entweder Sie als Autor erledigen das für mich oder ich bin weg.“
Auf eine Formel gebracht, heißt das Geheimnis der Verführung: „Show, don’t tell.“
Das bedeutet nicht, dass Sie als Autor kein abstraktes Wort mehr verwenden dürfen. Ich komme Ihnen als Leserin gerne entgegen und akzeptiere sogar ganze Absätze voller abstrakter Erklärung. Einzige Voraussetzung: Sie geben mir gleich davor oder danach ein konkretes Beispiel, damit mein Kopfkino Bilder produzieren kann.
Konkretes Beispiel gefällig?

Sie schreiben: „Die Digitalisierung ist in nur wenigen Jahren an jedem erdenklichen Ort dieser Welt in die Alltagspraxis eingesickert.“ Das ist sicher richtig, aber ein Bild entsteht in meinem Kopf dadurch noch nicht. Ganz andere Wirkung erzielen Sie bei mir, wenn Sie einen Satz wie diesen ergänzen: „Selbst die kleinen Kinder in den hintersten Bergdörfern Nepals wissen heute bereits, dass sie auf dem Display Ihrer Kamera durch Wischen zum nächsten Bild blättern können.“

Oder Sie schreiben:„Folgt ein Change-Projekt dem anderen, leidet die emotionale Bindung der Mitarbeiter ans Unternehmen erheblich.“ Ja, das ist wohl so. Und doch lässt es mich kalt. Das ändert sich sofort, wenn Sie eine kleine Szene dazu setzen: Etwa, wie zwei Kollegen in der dritten Kick-off-Veranstaltung innerhalb der letzten neun Monate Buzzword-Bingo spielen, während ein dritter auf seinem Smartphone die Stellenangebote auf LinkedIn durchscrollt.

Deshalb bitte ich Sie herzlich: Lassen Sie mich sehen, was Sie zu sagen haben. Und ich verspreche, Ihnen als begeisterte und ausdauernde Leserin überall hin zu folgen – sogar bis zu Ihrer Botschaft.

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